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Nachlese

Schachjugendseminar in Dorsten-Wulfen

Am Wochenende vom 6. - 8. Juli 2012 fand unser erstes Schachjugendseminar seit Menschengedenken statt. Andre Wokrina und fünf von unseren hochtalentierten Jugendspielern, nämlich Kai, Lennart, Julian, Philip und Michael, dazu noch meine Wenigkeit, machten in dieser Zeit die Jugendherberge in Dorsten-Wulfen unsicher.

Um Punkt halb drei trafen wir uns vor dem Vereinsheim, und konnten dann auch nach nur wenigen Schwierigkeiten direkt losfahren. Andre hatte den "kleinen" Schwenker über Uedem gemacht, und dabei Michael mitgebracht. Abgesehen von einem kleinen Stück A31 haben wir die Autobahn gemieden. Angesichts der Tatsache, dass an diesem Freitag die Ferien begonnen haben, vermutlich eine weise Entscheidung. Hobbyradfahrer Julian, der die Gegend wie seine Westentasche kennt, meinte hinterher, dass er einen noch besseren Weg kenne.
Die Herberge lag abseits der B58 in einer leicht zu übersehenden Seitenstraße. Kein Problem, ich habe einfach den hinter mir fahrenden Andre überrascht, indem ich ruckartig die Bremse betätigt, und auf dem Seitenstreifen gehalten habe, bis der Verkehr an uns vorbeigezogen war. Nach einer 180°-Wende konnten wir dann in die richtige Straße einbiegen, der wir ein gutes Stück weit folgen mußten. Die Jugendherberge befand sich damit bei guter Verkehrsanbindung angenehm gemütlich mitten im Wald. Als wir dort ankamen, war die Zufahrt verrammelt, und kein Mensch war weit und breit zu sehen. Die Anlage ist recht weitläufig, enthält einen Vorhof, einen Grillplatz und, ganz wichtig, ...

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..., einen Bolzplatz. Dieser wurde, - vor dem anderen, auf diesem Bild nicht sichtbaren Tor -, noch von einer hübsch großen Wasserpfütze verziert, als Andenken vom letzten Regenschauer.

Wo aber konnte man sich anmelden? Nach einer Weile ließ sich glücklicherweise die Herbergsmutter blicken, und wir konnten einchecken und uns schon einmal einrichten.

Was macht man als Schachjugendgruppe in einer Jugendherberge? Blitzen? Tandem? Oder gar die erste Trainingseinheit? Weit gefehlt: Als erstes war Fußball angesagt. Und ich selber mußte mitspielen, dabei sieht man doch auf dem ersten Blick, daß Fußball nicht meine Sache ist. Glücklicherweise hatte der liebe Gott, als er den Fußballsport erschuf auch an den Torwart gedacht. Da hatte ich doch wenigstens einen Posten, wo ich nicht viel falsch machen konnte. Die anderen sechs bildeten zwei Mannschaften, die auch noch beide auf mein Tor stürmten. Vielleicht war Torwart doch nicht so die ideale Lösung. Jedenfalls habe ich tatsächlich nur ein Tor reingelassen, Lennart war der Schütze, was mit Sicherheit daran lag, dass das Tor nur etwa drei Meter breit war, und mein Körpervolumen einen guten Teil der Balleinlassfläche des Tores abdeckte. Während des Spieles konnten wir zusehen, wie die eben erwähnte Pfütze vor dem anderen Tor nach und nach verschwand, teils vom Sonnenlicht verdunstend, teils einfach im Erdreich versickernd.

Nach dem Fußball kamen wir dann gerade noch dazu, die Bretter aufzubauen, und eine oder zwei Partien zu blitzen, bevor dann das Abendessen aufgetragen wurde, typische Jugendherbergskost, natürlich mit dem unvermeidlichen Pfefferminztee, der aber gute Durstlöscherqualitäten aufzeigte. Eine belgische Jugendgruppe belegte den größten Teil der Herberge. Gelegentlich machten diese sich durch eine fürchterlich schlichte Popmusik bemerkbar, die aus dem mitgebrachten Gettoblaster ertönte, aber glücklicherweise immer nur kurz. Ein Blick auf den Hof zeigte, dass die Belgier dazu einen Gruppentanz durchführten.

Als Abendprogramm versuchten Andre und ich uns als "Simmeltan"-Spieler. "Simmeltan" ist übrigens das, was dabei rauskommt, wenn man versucht, unsere gesamte wilde Horde von Jugendspielern gleichzeitig an die Schachkultur heranzuführen. Die ungeraden Züge wurden von mir ausgeführt, Andre spielte die geraden Züge. Also Doppelschach-"Simmeltan". Auf den Brettern entstanden Stellungen, die weder für Andre, noch für mich typisch waren. Ich fühlte mich jedenfalls an allen Brettern fast von Beginn an sehr unwohl, und nahm mir viel Zeit zum Überlegen. Trotzdem standen wir im Nu schlechter gegen Michael und Philip. An den übrigen Brettern war aber anscheinend unser hoher Bedenkzeitverbrauch keine gute Sache. Anstatt die zusätzliche Bedenkzeit in besser überlegte Züge zu investieren, entschlossen sich die Spieler, sich lieber zu langweilen. Das Doppelschach-Simultan hat also den Praxistest nicht bestanden, und wir werden uns für zukünftige Wochenenden etwas anderes überlegen. Das Simultan endete dann so, dass Julian, Kai und Lennart gegeneinander blitzten, und wir der Schnelligkeit halber die spannenden und lehrreichen Endspiele von Michael und Philip in 1:1-Partien fortsetzten. Andre gewann dann doch gegen Michael, und Philip mußte gegen mich die Waffen strecken. War aber ein seitens der Simultanspieler unfaires "Simmeltan". Die Partien bleiben übrigens das Geheimnis der Wochenendmitfahrer. Wer solche Kunstwerke bewundern möchte, soll demnächst selbst mitfahren. Sollte dieser Jemand ein Erwachsener sein, funktioniert das nur als Betreuer.

Als Seminarprogramm hatten Andre und ich uns auf die Themen Taktik (Beseitigung, Hinlenkung, Ablenkung), Partieanlage (Prophylaxe) und Endspiele (Festungsbau) vorbereitet. Dabei zeigte sich, dass der Sommer für ein Schachseminar eine undankbare Zeit ist. Die Trainingseinheiten am sonnigen Samstag wurden nur von den ganz Harten verfolgt, beim Endspieltraining am verregneten Sonntag waren dagegen alle aufmerksam dabei. Also wurde noch eine Menge Freizeitschach gespielt.

Dabei kam es zu einer Begegnung, die voraussichtlich zukünftig zu den Legenden gezählt wird. Doppelschach zwischen Philip/Michael mit Schwarz und Andre/Dirk mit Weiß. Wie bei dem oben beschriebenen "Simmeltan" dürfen die Spieler einer Mannschaft sich nicht untereinandern absprechen, nur abwechselnd ihre Züge durchführen. Im Grande Finale hatte Weiß die klar bessere Stellung, außerdem die bessere Zeit, zwölf Sekunden gegenüber zwei Sekunden der Gegner. Andre zog Dc7-c8 anstelle des bärenstarken Te1-h1+, Philip konterte mit La4-c6+, was den eben erwähnten Bärenzug dauerhaft rausnahm, und verblieb mit nur noch einer Sekunde auf der Uhr. Andrès Manöver hatte allerdings mich so sehr verwirrt, geschockt und überrascht, dass ich fünf Sekunden brauchte, um die Überraschung abzuschütteln. Weitere fünf Sekunden verwandte ich darauf, mir die Frage zu stellen, "Was mache ich jetzt mit dem Mist?", und als ich dann endlich Kg2-g1 gezogen hatte, und meine Hand sich zur Uhr bewegte, war die Zeit um, siehe Foto (man achte auf die Schachuhr!).

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Am Samstagabend haben wir uns an einem Blitzturnier versucht. Bei dieser Gelegenheit kam auch Kassenwart Markus Mühlbacher zu einem Kurzbesuch vorbei, um sich davon zu überzeugen, dass Andre und ich uns nicht mit den vorab überwiesenen Geldern nach Honolulu abgesetzt hatten. Anschließend spielten wir Tridem (Tandem an drei Brettern) bis zum Abwinken, was ca. um 23.30 Uhr geschah, als sich niemand mehr konzentrieren konnte.
Das Blitzturnier führte zu folgendem Endstand:
1. Philip 5½
2. Michael 4½
3. Julian 2
4. Kai 0 :(

Lennart hatte abends einen kurzen Durchhänger, und spielte nicht mit, aber als er mit mir sein Eröffnungsrepertoire unter die Lupe nahm, und wir beide gemeinsam eine neue Eröffnungswaffe ausheckten, war er wieder Feuer und Flamme, und dabei ist das viel anstrengender als ein Blitzturnier.

Am folgenden Tag haben wir nur noch das bereits erwähnte Endspieltraining durchgeführt, und noch ein paar Partien geblitzt, bevor wir uns dann kurz nach dem Mittagessen auf den Heimweg machten. Den Rückreiseweg ließ ich dann von Julian bestimmen, der wie schon erwähnt meinte, eine bessere Strecke zu kennen. Wir fuhren die B58 entlang, und bogen dann bei Drevenack auf die Verlängerung der Hünxer Straße ab. Tatsächlich ist diese Strecke nach Auskunft von Google-Maps nach Streckenlänge und Zeitverbrauch nicht schlechter als der Hinweg, wo wir an der Auffahrt Dinslaken-Nord durch- und in Kirchhellen auf die A31 auffuhren, um von dort auf die B58 zu stoßen.

Ich denke, für eine Versuchsanordnung war das Wochenende ganz brauchbar, und zwar mit Höhen und Tiefen. Wir werden in Zukunft sicherlich noch weitere Gruppenfahrten machen, und dabei nach und nach auf die Tiefen verzichten.

[Dirk Stoppacher]