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07.09.2013: Simultanvorstellung mit Vizeweltmeister Peter Leko anläßlich der 90-Jahr-Feier des Vereins

Das Jahr 823: Ein persischer Kaufmann blickt in die untergehende Sonne. Am Horizont erkennt er die Silouette von Konstantinopel, dem Tor nach Europa. In einer Tasche auf einem seiner Packtiere befindet sich nicht nur sein Handelsgut, sondern auch ein Webtuch mit 64 einfarbig karierten Feldern, dazu noch ein Beutel mit 32 behauenen Findelsteinen.

Das Jahr 1923: In einer Stadt im Nordwesten des Ruhrgebiets am unteren Rheinlauf, in einer Eckkneipe im Schatten des Lohberger Förderturms treffen sich einige begeisterte Schachspieler, deren Namen längst ins Dunkel der Geschichte entschwunden sind. Sie gründen an diesem Abend den SV Dinslaken.

Das Jahr 2004: Im schweizerischen Brissago sitzen sich Weltmeister Wladimir Kramnik und sein Herausforderer Peter Leko in der großen Halle des Kulturzentrums direkt am Ufer des Lago Maggiore seit Stunden gegenüber. Zu Beginn der Partie liegt Leko mit 7:6 in Führung. Ein Remis genügt ihm, um seinem Gegner den begehrten Titel abzunehmen. Eine Niederlage allerdings würde die Chance zunichte machen. Das Reglement sieht keinen Stichkampf vor. Es gibt allerdings einen Faktor, der für den Titelverteidiger spricht: Der russische Weltmeister wird vom Verband seines Heimatlandes weitaus besser gefördert als der ungarische Herausforderer. Ihm steht das qualifiziertere Sekundantenteam im Rücken. Und dieses hatte im Vorfeld einige Überraschungen ausgeheckt. Eine dieser Vorbereitungen verschafft Kramnik einen Stellungsvorteil, und so muß Leko im 41. Zug die Partie aufgeben. Zwar mit ausgeglichenem Endstand, aber trotzdem muß er auf den Titel verzichten.

7. September 2013: Das diesjährige Großereignis des SV Dinslaken ist anläßlich unseres 90jährigen Bestehens etwas größer geraten. Und ich kann unumwunden sagen, dass dies mit großem Abstand das bisher herausragendste Schachereignis meiner Sportzugehörigkeit ist.

10.00 Uhr: Vorbereitung und Aufbau

Die Planung lag hauptsächlich in den Händen von

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Markus Mühlbacher,   Christof Sielecki und vor allem Markus Lengtat.

An dieser Stelle nicht unerwähnt bleiben sollte auch                                              Hans-Peter Müller, der sowohl die Planung für den DIN-Tage-Infostand innehatte, - auf der wir kräftig die Werbetrommel für die heutige Veranstaltung gerührt haben -, als auch die Materialien des Infostandes, - Biertische, -bänke und -pavillon, sowie sein großes Freiluftschach -, ein weiteres Mal zur Verfügung stellte. Sie haben wieder gute Dienste geleistet. Eine weitere Werbemaßnahme waren Ankündigungsartikel in der Tagespresse, siehe Pressespiegel.

Am Vorabend gestern ging es dann schon in Medias Res. Das Team unseres Veranstaltungssponsors und Ausrichters Autohaus Röder hatte bereits die Stellfläche im Ausstellungsraum freigeräumt, und unser eigenes Team, bestehend aus Christof Sielecki, Thomas Neuer, Frank Dubbratz und Markus Lengtat, quälte die geschundenen Körper, und baute Tische, Stühle, Bretter, Figuren, Namensschildchen der Teilnehmer (mit Vereinszugehörigkeit und Wertungszahlen) und Partieformulare samt Schreibunterlagen und Stiften auf. Für 40 Bretter eine reife Leistung.

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Und natürlich durfte das Werbebanner nicht fehlen, dass schon unseren DIN-Tage-Stand verschönert hatte.

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Heute Mittag kamen dann Frank Dubbratz, Jörg Riekenbrauk, Frank Hamann, Norbert Raygrotzki und Dirk Stoppacher etwas eher, um auf dem Vorplatz das Freiluftschach

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und den Pavillon - Platz für sechs weitere Spielbretter - zu errichten.

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Diese wurden benötigt, um den Besuchern etwas Beschäftigung zu bieten, die keinen Platz an den Simultanbrettern gefunden hatten, z.B. begleitende Ehepartner oder Eltern, aber auch sonstige Besucher. Frank D. und Jörg mußten dafür auch noch den Baumarkt plündern, weil niemand an Gaffa-Tape gedacht hat. Und wir merkten, dass Hans-Peter, der seine Utensilien natürlich kennt, an dieser Stelle schmerzhaft fehlte: Es kam zu einigen merkwürdigen, selbstgebauten Hindernissen im Aufbau. Aber hinterher stand alles so, wie wir uns das vorgestellt hatten, vielleicht nicht ganz so zeitig und akkurat wie ursprünglich erhofft.

Der Essens- und Getränkeverkaufsstand war glücklicherweise sehr aufbaufreundlich: Einfach mit dem Transporter auf das Gelände gerollt, Seitenklappe aufgestellt, fertig.


14.00 Uhr: Durchführung

Etwa eine halbe Stunde vor dem geplanten Beginn der Veranstaltung kamen Christof und Guido an, und sie brachten den Star des heutigen Tages mit, Peter Leko, den sie vorher an einem vereinbarten Treffpunkt abgeholt hatten. Und die ersten Simultanteilnehmer trudelten ebenfalls langsam ein, meistens Mitglieder des SV Dinslaken. Das oben genannte Team war noch mitten in den Aufbauarbeiten, aber die Neuankömmlinge beteiligten sich eher störend an den Arbeiten, z.B. durch planloses Im-Wege-Stehen oder Aufbaumitarbeiter-durch-Gespräche-ablenken. Naja, ich fürchte, damit muß man leben.

Nachdem die Räume gut gefüllt, und alle Teilnehmer vor Ort waren,

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nachdem Vereinschef Dieter Ollesch eine kurze Begrüßungsrede gehalten hat,

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deren Details mir leider entfallen sind,

und nachdem Schiedsrichter Steffan Uhlenbrock noch einmal etwas zum Ablauf und zu den Simultanregeln gesagt hat, konnte es dann losgehen. Etwa um halb drei begann Leko bei Alessio, dem jüngsten Teilnehmer,

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ging die Bretter im Uhrzeigersinn ab und eröffnete jede Partie per Handschlag mit dem Gegner. Dabei nahm er sich die Zeit, eventuelle Autogrammwünsche zu befriedigen. Begleitet wurde er von Schiedsrichter Steffan,

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außerdem von mehreren Fotografen. Ein Profifotograf begleitete Peter gar durch die ersten drei Runden, und machte von jedem Zug, den Peter machte, ein Foto.

Danach kehrte Routine ein. Die Aufregung wich einer Atmosphäre der rauchenden Köpfe.

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Mir fiel auf, dass der Raum mit seiner schallschluckenden Architektur hervorragend geeignet für weitere Schachveranstaltungen wäre. Das war besonders wichtig, denn stellenweise befanden sich mehr Besucher in der Halle, als Simultanteilnehmer. Mancher Besucher blieb nur kurz, Andere beobachteten das Geschehen über die volle Länge der Zeit. Ich schätze, ohne dafür meine Hand ins Feuer legen zu wollen, dass insgesamt etwa 450 Besucher im Laufe des Tages vorbeikamen.

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Nach einer Weile wurde dann deutlich, dass der weitere Zeitplan durcheinander geraten würde. Um fünf Uhr waren wir erst bei Zug 20 angelangt, eine halbe Stunde später sollte ein offenes Interview stattfinden. Vermutlich hätte zeitlich alles plangemäß geklappt, wenn wir tatsächlich plangemäß nur 30 Teilnehmer aufgestellt hätten. Bei 40 Teilnehmern dauert jede Runde aber etwas länger, und die Züge der Teilnehmer sind auch nicht so von Zeitdruck geprägt, also Flüchtigkeitsfehler seltener. Besonders leiden mußte darunter Alessio, der heute seinen achten Geburtstag feierte, und dessen Verwandtschaft auf ihn zum Kuchenessen wartete. Er mußte leider seine recht aussichtsreiche Stellung aufgeben, und sich der Familie widmen.

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Niemand kann behaupten, dass wir es Peter Leko leicht machen wollten. Der Verein hat mit Ausnahme unserer Titelträger Christof, Guido und Thomas seine gesamte Elite aufgefahren. Außerdem haben wir uns noch hochkarätige Verstärkung aus dem Bezirk (Bruckhausen, Hünxe, Xanten) und aus dem übrigen NRW (Walsum, Wanheimerort, Krefeld, Mülheim, Ratingen, Rheinhausen, Solingen) beschafft. Trotzdem ist es nicht einem gelungen, Peter Leko einen vollen Punkt abzutrotzen. Wir mußten uns mit 10 Remisen begnügen, die restlichen Punkte nimmt Herr Leko mit zurück nach Ungarn. Bei fast jeder Partie konnte sich Peter Leko anschließend noch an den Verlauf erinnern, und führte mit dem Gegner eine kurze Partiebesprechung durch. Für die letzte noch laufende Partie holte er sich einen Stuhl heran, und setzte sich seinem Gegner bequem gegenüber.

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Und es gelang ihm, die Partie ausgeglichen zu halten. Außerdem erhielt er eine besonders ausführliche Abschlussanalyse.

Hier die Namen aller, die ein Remis herausgespielt haben:
1. Rene Borchert (SG DU-Nord)
2. Frank Dubbratz (SV Dinslaken)
3. Danny Franke (SV Dinslaken)
4. Wolfgang Friedrichowski (SG DU-Nord)
5. Johannes Mundorf (SV Dinslaken)
6. Rainer Ossig (SV Dinslaken)
7. Frank Pöss (SG DU-Nord)
8. Kevin Schmidt (Mülheim-Nord)
9. Philip Sonnenschein (DU- Nord)
10. Bernhard Stillger (SV Dinslaken)

Nachdem endlich die letzte Partie beendet war, fanden sich, erfreuliche Überraschung, recht viele Besucher und Teilnehmer, die mithalfen, Bretter abzuräumen und Tische und Stühle abzutransportieren. So war ein Problem schneller als erwartet erledigt. Peter Leko führte in der Zwischenzeit Zeitungsinterviews, keine Faulheit, sondern wir sehen das als Werbung für den lokalen Schachsport und auch für die Vereine an.

Insgesamt waren sich bereits an diesem Punkt (etwa 19.30 Uhr) alle einig, dass es eine gute Veranstaltung war, die sich gelohnt hatte.


19.00 Uhr: Nachlese

Nach dem "Simmeltan" fuhren die Vereinsmitglieder samt Peter Leko und anderen Beutespielern noch zum kalten Buffet im Vereinsheim. Die meisten dachten noch an einen gemütlichen, anspruchslosen Abendausklang von etwa 1 bis 2 Stunden Dauer.

Weit gefehlt, jetzt kam erst die Sahne auf den Kuchen: Nachdem der erste Hunger aller Beteiligten gestillt war, begann Peter Leko, aus seiner Turnierpraxis zu erzählen. Geschichten aus seiner eigenen Sicht, Hintergründe, die man nicht unbedingt zu lesen bekommt. Zunächst erzählte er nur den Leuten, die zufällig mit an seinem Tisch saßen,

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aber recht schnell war es im ganzen Spielraum so still geworden, dass man eine Stecknadel hätte fallen lassen können.

Er stellte sich daraufhin nach vorne ans Demobrett, peteramdemobrett3.jpgund präsentierte die Wendepunkte aus seinem Match gegen Kramnik, samt Hintergründen, warum er welche Entscheidung getroffen hatte, wie die Trainingsvorbereitung ablief, und so weiter. Dabei kam er unbemerkt von Hölzken auf Stöcksken und ließ seine Kindheits- und Jugenderfahrungen einfließen, außerdem seine Begegnungen mit Bobby Fischer. Seine Berichte garnierte er mit einem sehr feinen, hintergründigen Humor, der trotzdem oftmals den ganzen Saal nochmal vor Gelächter erschallen ließ. Und wie im Flug war
Mitternacht, und Peter Leko hatte Geburtstag. Insgesamt ein Abend, der, wenn er nicht so spät gewesen wäre, für manchen Jugendspieler der Grundstein für eine Profikarriere sein könnte. Es würde mich nicht wundern, wenn auf der nächsten JHV der Antrag auf Vereinsumbenennung in SV "Peter Leko" Dinslaken 1923 e.V. gestellt wird. Ich würde wohl zustimmen.



Alle Bilder finden Sie in unserer Galerie!!

[Bericht: Dirk Stoppacher, Fotos: Fotostudio Wolff, Markus Lengtat, Thomas Neuer, Hans-Dieter Ollesch, Markus Mühlbacher]